Wie du deine Hochsensibilität als Stärke nutzen kannst

Lena Hedemann Potentialentfaltung, Traumjob

Einen großen Teil meines bisherigen Lebens habe ich versucht herauszufinden, was mit mir nicht stimmt. Warum nehme ich mir immer alles so zu Herzen? Was mache ich bloß falsch? Heute weiß ich: gar nichts, ich bin einfach nur hochsensibel. 

Ich komme gerade wütend vom Zahnarzt, wo ich eine Schiene bekommen sollte, weil ich nachts mit den Zähnen knirsche. Und dieses Erlebnis war der Anlass über meine Hochsensibilität zu schreiben. Denn die Schiene hat in meinem Mund total gedrückt und ich habe gesagt und ich wollte das nicht akzeptieren. Daraufhin haben erst die Zahnarzthelferin und dann der Zahnarzt daran herumgeschliffen, um sie anzupassen. Es wurde besser, aber fühlte sich immer noch sehr unangenehm an. Nach dem dritten Versuch sagt der Zahnarzt zu mir: „Vielleicht sind Sie auch ein bisschen sensibel. Das drückt halt.“

Ein bisschen sensibel?

Ja, aber hallo! Ich bin sogar hochsensibel und das ist gut so. In diesem Satz, so wie ich es die Betonung und des weiteren Gesprächsverlaufs nach interpretieren würde, war das sensibel sein nicht als Kompliment zu verstehen. Sondern als ein „Sie sind zu sensibel. Stellen Sie sich nicht so an. Zu überempfindlich.”

„Ja, was meinen Sie, warum ich so sehr die Zähne zusammenbeißen muss.“ wäre eine tolle Antwort gewesen. Ist mir aber leider erst jetzt eingefallen.

Hochsensibilität braucht die richtige Umgebung

Hochsensibel oder hypersensibel bedeutet, dass äußere Reize weniger gefiltert werden. Es kommt einfach mehr davon im Hirn an. Und das, was ankommt, wird auch noch intensiver verarbeitet. Für mich ist es unbegreiflich, dass es immer noch als etwas Negatives gesehen wird (hoch)sensibel zu sein.

Ich habe jahrelang in einer Umgebung gelebt, in der ich nicht sensibel sein durfte und Extrovertiertheit gefordert war. Und so habe ich mich immer mehr abgehärtet und angepasst daran. Bin immer lauter und lauter geworden. Mit ein bisschen Alkohol ging das noch besser. Das ging so weit, dass ich gar nicht mehr wusste wer ich bin und was meine Bedürfnisse sind, weil ich mir nur noch danach gerichtet habe, was erwartet wird.

Und irgendwann habe ich sogar angefangen, andere dafür zu verurteilen, wenn sie sensibel sind.

Hochsensible stellen sich absichtlich so an?

Nein, ganz und gar nicht. Aber viele denken das: Weil sensibel = zu sensibel = nicht belastbar = sie will doch nur eine Sonderbehandlung auf Kosten anderer. So wollte ich natürlich auf gar keinen Fall sein. Ich war diejenige, die die Ärmel hochkrempelt, die die immer alles hinkriegt und bei den Männern mithält. Ich wäre damals gar nicht auf die Idee gekommen, sensibel zu sein ist ok und hat sogar etwas Gutes.

Und schon gar nicht, dass ich heute stolz darauf und sehr glücklich damit bin. Dass ich mit gerader dieser Stärke, denn ja es ist ganz eindeutig eine Stärke, erfolgreich bin in meinem Job. Ich musste nur einen Job finden, in der genau das gebraucht wird. Und dafür musste ich es erst einmal als Stärke definieren und nicht als Schwäche.

Als Coach hilft mir meine Feinfühligkeit sehr.

Weil ich dadurch ein so gutes Gespür für den Menschen habe, der mir gegenübersitzt und weil ich viel mehr zwischen den Zeilen wahrnehmen kann. Weil ich dadurch auch Gefühle intensiver und schneller wahrnehmen kann. Und letztlich sind viele der Klienten, die zu mir ins Coaching kommen, auch (hoch)sensibel und sehr froh, weil sie sich von mir verstanden fühlen. Fast alle denken deswegen, mit ihnen stimmt etwas nicht und sie fühlen sich ausgebrannt vom ständen Overload.

In früheren Zeiten hätte ich damit super Jobs kriegen können – als Seherin, Orakel, Heilerin oder Hexe etwa.

Karina Lübke, hochsensibel

Alles muss stimmen

Aber für mich als Hochsensible ist nicht nur der Job an sich entscheidend, sondern auch die Arbeitsumgebung enorm wichtig.

Als ich angefangen habe zu coachen, habe ich in einem Coworking-Space für Coaches gearbeitet. Eigentlich war es sehr schön dort und vor allem war es praktisch, weil ich die Räume immer flexibel und stundenweise nach Bedarf mieten konnte. Aber es war leider auch sehr hellhörig und man konnte immer die Schritte auf dem Flur hören, wenn dort andere Leute langgelaufen sind. Andere Menschen hätte das vielleicht nicht so gestört, aber mich hat es wahnsinnig gemacht, weil auch mein Gehör viel empfindlicher ist. Die Erfindung des Jahrhunderts ist für mich deswegen ganz eindeutig Noise Cancelling Kopfhörer, mit dem ich mich abschirmen kann, wenn es mir zu viel wird. Seitdem ich die habe, macht mir auch Zug fahren richtig viel Freude.

Parallel dazu habe ich anfangs für eine Unternehmensberatung gecoacht. Dort waren die Räume zwar wunderbar leise, aber es gab so einen alten Teppichboden, dessen Geruch ich einfach nicht ertragen konnte. Ja, vielleicht ist das jammern auf hohem Niveau. Mich hat es aber tatsächlich so sehr bei der Arbeit gestört.

Ich gebe allen recht, die sagen, mir kann man es schwer recht machen.

Ich bin halt anspruchsvoll. Und auch das ist gut so. Denn ich habe diese Bedürfnisse viel zu lange unterdrückt und das hat mich krank gemacht.

Vor allem in der Schule war es für mich schwer damit klarzukommen, denn da gab es gar kein Entrinnen. Und später im Großraumbüro war es nicht viel besser. Nur konnte ich immerhin entrinnen. Meine Hoffnung für die Zukunft ist, dass Schulen und Unternehmen für dieses Thema sensibilisiert werden. Denn immerhin nehmen schätzungsweise 20 Prozent der Menschheit ihre Umwelt besonders intensiv wahr und denken besonders viel und tiefsinnig darüber nach. Von meinem Gefühl her sind es vor allem Frauen, aber vielleicht stimmt das nicht.

„Gerade bei Männern, die darüber Witze reißen, habe ich öfter festgestellt, dass sie selbst hochsensibel sind.“ 

Elaine Aron, amerikanische Psychologin

Ich nehme viel mehr Dinge war und alles, was zu laut oder zu viel ist, stresst mich mehr als andere.

Deswegen habe ich mir heute meine Arbeitsumgebung so eingerichtet, dass sie (meistens) perfekt für mich passt. Es hat eine Weile gedauert herauszufinden, was ich eigentlich genau brauche, um mich wohl zu fühlen. Denn viel zu lange hatte ich meine Bedürfnisse unterdrückt. Ich bin immer noch beim Finetuning, aber ich habe das Gefühl, ich bin so langsam angekommen in einer Welt, wie sie mir gefällt. Immer und immer wieder muss ich lernen sanft zu mir zu sein und meine Bedürfnisse wahrzunehmen. Und sie auch zu kommunizieren.

Hochsensibilität ist keine Krankheit – ganz im Gegenteil!

Vor allem will ich mich nie wieder dafür entschuldigen müssen oder schlecht fühlen für meine Sensibilität. Und ich wünsche mir, dass alle Hochsensiblen das erkennen. Und alle nicht-Hochsensiblen auch! Früher war es mir peinlich das zu erzählen. Es kam mir fast vor wie eine Krankheit. Aber es ist genau das Gegenteil. Die Welt braucht uns Hochsensible.

Ich will mir auch nicht mehr sagen lassen: „Stell dich nicht so an.“  oder „sei nicht so empfindlich“. Vor allem will ich mir das nicht mehr selbst vorwerfen. Mein Zahnarzt hat keine Ahnung, wie es sich in meinem Mund anfühlt. Menschen sind unterschiedlich schmerzempfindlich. Was einem weh tut, das nimmt ein anderer vielleicht nur als kleines ziepen wahr. Das heißt aber nicht, dass einer von beiden recht hat.

Viel mehr eingepackt…

Wenn ich erkläre, was es bedeutet hochsensibel zu sein, dann nehme ich gerne das Beispiel von einem Schwamm. Ich bin ein Schwamm, der alles aufsaugt, was er kriegen kann. Dementsprechend dauert es lange mich wieder auszuwringen. Irgendwo habe ich mal das Beispiel von den Einkaufstüten gelesen, was ich auch sehr passend finde: Wenn jemand „normal“ sensibles einkaufen geht, dann kommt er mit einer vollen Tüte nach Hause. Ein Hochsensibler geht in den gleichen Laden in der gleichen Zeit, aber er kommt mit sieben Tüten nach Hause. Er nimmt einfach mehr mit. Dementsprechend dauert es dann auch länger alles wieder auszupacken. Und diese Zeit plane ich mir heute so gut es geht mit ein.

Weil es mehr Tüten gibt und der Schwamm viel vollgesogener ist, sind Pausen und Auszeiten essentiell. Um hinterherzukommen.

Wichtig war für mich auch zu lernen, wie ich mich abgrenzen kann.

 Also die Einkaufstüten auch wirklich auszupacken und wegzuräumen. Nicht nur als Coach hatte ich das Problem, nicht abschalten zu können. Ich war quasi ständig auf Empfang und habe nächtelang über Dinge gegrübelt, die andere längst vergessen hätten. Deshalb spielt das Thema Achtsamkeit für mich eine so große Rolle. Damit ich es schaffe trotzdem abzuschalten. Wenn euch das interessiert, dann schreibt mir und ich mache demnächst noch einen Artikel dazu.

Wenn du hochsensibel bist, dann findest du dich bestimmt an der ein oder anderen Stelle in diesem Text wieder. Du kannst aber auch hier einen Test machen.

Und ich werde mir jetzt einen anderen Zahnarzt suchen, denn auf Druck habe ich einfach keine Lust mehr.

Hier ist auch noch eine meiner Lieblingsgeschichten von Eckhard von Hirschhausen. Jahrelang war ich ein Pinguin in der Wüste. Aber ein Pinguin kann in der Wüste einfach keine Höchstleistungen verbringen und wird sich aller Wahrscheinlichkeit auch nicht wohlfühlen. Es ist so wichtig zu erkennen, wenn man nicht in seinem Element ist und sich dann schleunigst auf die Suche danach zu begeben.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Wie sehr gefällt dir der Beitrag?

Klicke auf einen Stern, um den Beitrag zu bewerten

Durchschnittliche Bewertung / 5. Anzahl Bewertungen

About the Author
Lena Hedemann

Lena Hedemann

Facebook Google+